Kapitel 4 - Im Frankenreich Karls des Großen: Teil 1

 Aus den wirren Zeiten der Völkerwanderung sind kaum Dokumente erhalten geblieben. Daß es in den ehemals römischen Gebieten des Frankenreichs starke jüdische Gemeinden gab, wissen wir nur aus Rückschlüssen. Als, z.B., Pippin III., der Vater Karls des Großen, im Jahr 759 Narbonne eroberte, den letzten Stützpunkt der Araber im Frankenreich, übergab er die Hälfte der Stadt den Juden zum Dank für ihre Waffenhilfe.
Während Karl der Große die Heiden durch Missionstätigkeit, aber auch mit dem Schwert, christianisierte, durften die Juden, als das Volk der Bibel, ihre Religion behalten. Im allgemeinen waren die Juden unter diesem Kaiser den Christen gleichgeachtet.
Karl der Große nahm die Juden wie andere Gesellschaftsgruppen unter seine Vormundschaft, wofür sie ihm Gefolgschaft und Treue zusicherten. Leben, Ehre, Religionsausübung, Eigentum und Freiheit des Handels standen unter kaiserlichem Schutz. Von tiefgreifender Konsequenz war auch, dass die Juden ihre Zivilstreitigkeiten nach ihrem eigenen Recht beilegen konnten. Dies führte zu einer Gemeindeautorität, die sich erst im 19. Jahrhundert aufzulösen begann.
Wirtschaftlich blieb die Lage der Juden im Frankenreich, das von den Pyrenäen bis zur Elbe reichte, weiterhin günstig. Nach ihrer Niederlage bei Portiers 732 und dem Sieg Pippins bei Narbonne waren die muslimischen Araber vom Handel der europäischen Christen mit dem Morgenland weithin ausgeschlossen. Karawanenzüge und Handelsfahrten in den Osten bis hinüber nach Palästina, Persien, Indien und nach China übernahmen nun zumeist jüdische Kaufleute und Seefahrer. Die Expeditionsmitglieder waren ebenfalls oft Juden: Bogenschützen zum Schutz vor Überfälle, Handwerker aller Art wie Schiffsbauer, Kupferschmiede, Segelmacher.
Der arabische Schriftsteller Abu´l Kassim erwähnt um 870 diese jüdischen Kaufleute und nennt sie Radaniten.
" Die Kaufleute sprechen neben Hebräisch Arabisch, Persisch, Romanisch, Fränkisch, Spanisch und Slawisch. Sie reisen von West nach Ost, von Ost nach West, teilweise über Land, teilweise zur See. Aus dem Abendland führen sie Eunuchen, weibliche Sklaven, Knaben, Brokat, Rinzinus, Marder und andere Pelze sowie Schwerter bei sich. Sie gehen im Frankenreich zu Schiff und segeln nach Farama. Dort laden sie ihre Güter auf Kamele um und ziehen über Land nach Suez. Sie schiffen sich am Roten Meer ein und segeln von Suez nach Medina und Mekka. Dann segeln sie weiter nach Indien und China.
Auf dem Rückweg von China bringen sie Moschus, Aloe, Kampher Zimt und andere Produkte nach Kolzom und zurück nach Farama, wo sie wieder über das Mittelmeer segeln. Manche gehen nach Konstantinopel, andere reisen zum Palast des Königs der Franken, um dort ihre Güter anzubieten. Manchmal segeln diese jüdischen Kaufleute vom Land der Franken nach Antiochien, von dort ziehen sie in einem dreitägigen Marsch an den Euphrat. Auf dem Euphrat fahren sie weiter nach Bagdad und weiter auf dem Tigris nach al-Obolla. Von dort segeln sie nach Oman, Sind, Hind und China. 
Manchmal geht der Weg auch über Rom durch das Land der Slaven nach Khamliji, der Hauptstadt der Chasaraen. Sie fahren vom Jorjan-See mit Schiffen nach Balkh, überqueren den Oxus und reisen weiter über Yurt und Toghhughuz nach China". 

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